Hutba: Zugehörigkeit

Verehrte Muslime!

Die Identität eines Menschen ist durch seine Familie, Herkunft und Religion bestimmt. Dasselbe gilt auch für die Gruppe, Rechtsschule oder Gemeinschaft, der er angehört. All diese Bindungen stellen im Grunde genommen eine Zugehörigkeit dar. Es ist undenkbar, die Identität von der Zugehörigkeit eines Muslims zu trennen. Auch, dass ein Muslim sich von seiner Identität und dem Zugehörigkeitsbewusstsein differenziert betrachtet, ist unmöglich. Der Islam lehnt die Identität und Zugehörigkeit eines Menschen nicht ab. Vielmehr bringt er sie in ein Gleichgewicht. Die Religion, also die religiöse Zugehörigkeit, ist maßgebend. In einem Koranvers heißt es: „Er sprach: ‚O Nûh! Er gehörte doch nicht zu deiner Familie; denn sein Benehmen war unrecht.‘“[1] Nûhs (a) Sohn gehörte also nicht zur Familie, weil er ungläubig war. Das heißt: Ohne die Einheit von Religion und Bewusstsein ist die Identität und Zugehörigkeit nicht vollständig.

Liebe Geschwister!

Erst in der Gemeinschaft kann der Glauben wahrhaftig gelebt und weitergegeben werden. Aus diesem Grund legt der Islam großen Wert auf die Gemeinschaft und das gemeinschaftliche Handeln. Allein schon die Tatsache, dass das Beten in der Gemeinschaft 27 Mal mehr belohnt wird, als alleine zu beten, zeigt die Wichtigkeit der Gemeinschaft. Eine Gemeinschaft zu sein bedeutet, Zusammenhalt und Miteinander. Es bedeutet, ein Vorbild zu sein und Fähigkeit und den Willen zu haben, einer Gemeinschaft vorzustehen. Im Koran und der Sunna wird zur Einheit der Muslime aufgerufen. Der Koranvers „Haltet allesamt an Allahs Seil fest, und zersplittert euch nicht.“[2] markiert die Einheit. Die folgende Überlieferung des Propheten ﷺ spricht über die Folgen der Trennung sowie des Vereintseins:
Wer die höchste Stufe im Paradies erreichen möchte, der soll mit der Gemeinschaft sein. Denn wer allein ist, dem nähert sich der Satan eher, als jenen, die zu mehreren sind[3]

Verehrte Muslime!

Alhamdulillâh, viele von uns sind Mitglied bei der IGMG, einer Gemeinschaft, die in zahlreichen Bereichen aktiv ist und sich für jede Altersgruppe und ihre Bedürfnisse einsetzt. In allen Städten und Ländern, in denen die IGMG vertreten ist, reichen die Tätigkeitsfelder von Moscheediensten, Bildung, religiöse Wegweisung bis hin zu humanitärer Hilfe und Bestattungsdienste. Sie bietet in vielen Bereichen großartige Dienstleistungen an, denen selbst Länder teilweise nicht nachkommen können.

Liebe Geschwister!

Damit diese Tätigkeiten und Leistungen langfristig fortgeführt werden können, ist jegliche Unterstützung der Gemeinde und unserer aufmerksamen Geschwister sehr wichtig. So hängt die erfolgreiche Fortsetzung des Koranunterrichts in den Moscheen, der 67 Hafiz-Schulen sowie der Imamausbildungsprojekte von eurer Unterstützung und eurer Mitarbeit ab.

Dass wir mehr Kindergärten, Grund- und weiterführende Schulen öffnen und die Bildung an diesen Orten besteht, gelingt nur durch die Hilfe und Unterstützung unserer Gemeinden und Geschwister.

Verehrte Muslime!

Wir möchten euch alle herzlich dazu einladen, Teil und Mitglied unserer Gemeinschaft zu sein, der diese schönen und wichtigen Tätigkeiten organisiert und ins Leben ruft. Durch eure Mitgliedschaft tragt ihr dazu bei, dass diese Aktivitäten und Leistungen dauerhaft sind und unsere Gemeinschaft mehr Mitsprache und Mitbestimmung in der hiesigen Gesellschaft hat. Zudem sollten wir auch andere dazu einladen, Mitglied zu werden. Ich möchte die Hutba mit dem folgenden Koranvers beenden: „Wer führt bessere Rede, als wer zu Allah einlädt und das Rechte tut und spricht: »Ich bin einer der Gottergebenen«?[4]

[1] Sure Hûd, 11:46
[2] Sure Âli Imrân, 3:103
[3] Tirmizî, Sunan, 8/69, Hadith Nr. 2091
[4] Sure Fussilat, 41:33

Hutba: Die einfache Ehe

Verehrte Muslime!

Das Ehe- und Familienleben gehört zu den grundlegenden menschlichen Bedürfnissen. Es ist kein Zufall, dass mit den ersten Menschen auch die ersten Familien entstanden sind. Allah und der Gesandte empfehlen uns, zu heiraten und eine Familie zu gründen. Jeder, der heiraten kann, soll das möglichst bald tun und es nicht weiter hinauszögern. Denn die Ehe wird in nahezu allen heiligen Büchern empfohlen. In der Ehe können die menschlichen Bedürfnisse am besten befriedigt werden. Im Koran wird uns dieser Aspekt am Beispiel des Propheten Yûsuf (as) nähergebracht. Die Prüfung von Yûsuf (as) zeigt uns, dass jeder Mensch mit seinem Nafs geprüft wird. Yûsuf (as) hat seine Prüfung mit der Hilfe Allahs bestanden. Vor diesem Hintergrund sind folgende Worte unseres Propheten ﷺ zu verstehen: „Wer heiratet vervollständigt damit seinen halben Iman. So soll jener Allah im Hinblick auf die verbleibende Hälfte fürchten‘.“[1]

Unser Prophet ﷺ legt den Jugendlichen das Heiraten deshalb nahe, weil er weiß, dass sie den Versuchungen im Jugendalter stärker ausgesetzt sind. Aus diesem Grund soll jeder junge Erwachsene, der die Möglichkeit dazu hat, heiraten. Wer das tut, folgt der Sunna des Propheten ﷺ.

Liebe Geschwister!

Es ist wichtig, das Eheleben zu empfehlen und die Heirat zu erleichtern. Leider werden viele dieser Aufgabe nicht gerecht. In vielen muslimischen Familien wird die Heirat und Familiengründung hinausgeschoben. Jugendliche werden dazu verleitet, erst einen guten Job zu finden oder Karriere zu machen. Diese Wünsche sind zwar verständlich und nachvollziehbar, aber führen sehr oft dazu, dass die Ehe immer weiter in die Ferne rückt, bis irgendwann der Wunsch, zu heiraten abnimmt. Der Wissenserwerb ist natürlich in jedem Alter und für jeden Muslim eine Pflicht. Im Koran heißt es: „Nur die Wissenden unter seinen Dienern fürchten Allah.“[2] Dennoch müssen wir auch hier die goldene Mitte finden. Die Aufgabe muslimischer Familien ist es, ihren Kindern im Heiratsalter die Ehe nahe zu legen. Sie dürfen ihre Kinder nicht vor die Wahl stellen, sich entweder für die Ehe oder für die Karriere zu entscheiden.
Die Aufgabe der Familie ist es, den Weg zur Heirat zu öffnen und sie daran zu erinnern, was das eigentliche Ziel ist: nämlich ein besserer Mensch und Muslim zu werden. In der heutigen Zeit des Egoismus und der grenzenlosen Selbstverwirklichung darf das Streben nach Wissen nicht dazu führen, dass die sozialen, emotionalen und menschlichen Grundbedürfnisse vernachlässigt werden.

Natürlich werden wir unsere Jugendlichen dabei unterstützen, damit sie eine gute Arbeit finden und der Gesellschaft nützlich sind. Aber genauso müssen wir ihnen finanziell und emotional beistehen, wenn sie heiraten möchten.

Verehrte Muslime!

Zu hohe Hochzeitskosten können zu Unstimmigkeit und Streit unter den Familien führen. Aus den Überlieferungen unseres Propheten ﷺ wissen wir, dass die Baraka denjenigen zuteil wird, die versuchen, ihre Hochzeitskosten so niedrig wie möglich zu halten.[3] Übermäßige Einkäufe und luxuriöse Hochzeitsvorstellungen sind ein Widerspruch zu den Worten unseres Propheten ﷺ. Die Hochzeitsvorbereitungen dürfen nicht dazu führen, dass junge Paare ihr Eheleben mit Schulden beginnen. Ziel ihrer Heirat und auch des Ehelebens ist das Wohlgefallen Allahs. Takwâ ist der Maßstab aller Dinge. Nicht die Kleidung, das Essen, die Geschenke, das Gold, die Foto- und Videoaufnahmen. Die Denkweise „Je mehr Ausgaben und Aufwand, desto höher der Wert“ ist falsch. Unser Prophet ﷺ empfiehlt uns eine minimalistische Lebensweise ohne jeglichen Luxus. Er sagte: „Hört ihr denn nicht? Einfach zu leben, kommt vom Glauben.“[4] Damit möchte unser Prophet sagen, dass die wichtigsten Eigenschaften eines Ehepartners die wahrhaftige Religiosität und das Verantwortungsbewusstsein sind.

Liebe Geschwister!

Heute erschweren viele materielle Faktoren den Schritt zur Heirat. Aber Glückseligkeit liegt nicht in weltlichen Dingen wie Schönheit, Reichtum, Beruf, Karriere usw. Vielmehr beruht sie auf der wahrhaften Religiosität, der Aufrichtigkeit und dem Verantwortungsbewusstsein. In diesem Sinne heißt es in einem Koranvers: „Und verheiratet die Ledigen unter euch und eure Diener und Dienerinnen. Wenn sie arm sind, wird Allah sie aus seinem Überfluss reich machen; denn Allah ist großzügig und wissend.“[5]

[1] Aṭ-Ṭabarānī: Al-Muʿǧam Al-Awsaṭ, H.No: 7647
[2] Sure Fâtir, 35:28
[3] Abû Dâwûd, Sunan, 2/591
[4] Abû Dâwûd, Taradschul, 2
[5] Sure Nûr, 24:32

Kopftuch-Urteil ist eine Chance

„Die Entscheidung des Bundesarbeitsgerichts ist eine Chance, die Kopftuchdebatte auf eine sachliche und konstruktive Ebene zu bringen. Dies gilt sowohl für die öffentliche Debatte als auch für den innermuslimischen Diskurs“, erklärt Bekir Altaş, Generalsekretär der Islamischen Gemeinschaft Millî Görüş (IGMG). Anlass ist das Urteil des Bundesarbeitsgerichts, wonach das Berliner „Neutralitätsgesetz“ verfassungswidrig ist und Frauen mit Kopftuch diskriminiert. Bekir Altaş weiter:

„Kopftuchverbote haben noch nie überzeugt. Das hat auch das Bundesarbeitsgericht erkannt und dem Berliner ‚Neutralitätsgesetz‘ Verfassungswidrigkeit attestiert. Wir sind sehr froh und erleichtert über diese Entscheidung. Denn das Gesetz hat de facto nur gebildete muslimische Frauen diskriminiert, die ein Kopftuch tragen und höhere Positionen anstreben; im vorliegenden Fall die Position einer Lehrerin. Sog. Kopftuchgegner haben sich demgegenüber noch nie beschwert, wenn dieselbe Frau in demselben Klassenzimmer als Putzfrau tätig war. Diesem ohnehin haarsträubenden Widerspruch die Krone aufgesetzt haben die ‚Kritiker‘ dann noch mit der Behauptung, sie kämpften gegen Unterdrückung der muslimischen Frau. Gut, dass dieses Heucheln ein stückweit entlarvt wurde.

Bewusst oder unbewusst waren Kopftuchverbote auch unter Muslimen jenen Kreisen Wasser auf die Mühlen, die gegen die Selbstständigkeit der Frauen sind; solchen, die aus vermeintlich traditionellen Vorstellungen heraus nicht wollen, dass Frauen arbeiten, Karriere anstreben, sondern zu Hause bleiben. Auch deshalb begrüßen wir die Entscheidung des BAG ausdrücklich. Sie stärkt Frauen, die ein Kopftuch tragen, nicht nur gegenüber ihren üblichen ‚Kritikern‘ und in der Öffentlichkeit, sondern auch gegenüber veralteten Vorstellungen innerhalb der muslimischen Communitys.

Auch vor diesem Hintergrund müssen wir dringend verbal abrüsten und die inzwischen 20 Jahre andauernde Debatte versachlichen. Zurückblickend erkennt man deutlich, dass das Kopftuch durch die Art und Weise wie öffentlich darüber diskutiert wurde, nicht nur innerhalb religionskritischer Kreise zu einer Bedeutungsüberhöhung geführt hat. Das andauernde populistische Einpeitschen auf das Kopftuch hat auch innerhalb religionsnaher Kreise zu Automatismen, Reflexen und einer Abwehrhaltung geführt, die eine sachliche Auseinandersetzung sowohl in der Öffentlichkeit als auch innerhalb der muslimischen Community fast unmöglich gemacht haben.

Die Entscheidung des Bundesarbeitsgerichts ist eine Chance, diesen Teufelskreis zu durchbrechen. Die Richter haben mit der Absage an das Verbot den Grundstein für einen neuen Dialog gelegt. Jetzt müssen wir darauf aufbauen und vorankommen, um weiteren Schaden abzuwenden – auch und gerade im Hinblick auf schwierige und kontroverse Themen innerhalb der muslimischen Community.

Wir können es uns nicht erlauben, dass Musliminnen und Muslime, die inzwischen in dritter, vierter Generation in Deutschland leben und hier geboren und sozialisiert wurden, deutsche Staatsbürgerinnen und -bürger sind und sich nicht akzeptiert fühlen in ihrem eigenen Land, weil öffentlichkeitswirksame Stimmen über das Kopftuch eine allgemeine feindselige Stimmung gegen sie erzeugen, die zu Diskriminierungen in nahezu allen Lebensbereichen und sogar zu tätlichen Übergriffen führt.“